Wind und Wasser
25 11 2007Die Landschaft ist karg, Wacholder und Fels säumen die Strasse, es geht nach Norden. Der Regen begleitet uns, wird zu Hagel, wird zu Schnee und hört schliesslich ganz auf. Der Wind ist heftig, pfeift zwischen den grauen Felsen hindurch, über das Wasser der Fjorde, unter den Brücken. Die Wellen tragen kleine Schaumkronen, weiss. Weiss sind auch die Wolken, sollten es sein, doch heute ist alles anders. Sie haben die Farbe von Schwefel, von Asphalt und von schmutzigem Schnee. Das Licht ist seltsam; kalt, gelb, Winterlicht. Auch dieses begleitet uns nordwärts, zum Meer. Schafe weiden zwischen den Felsen, rupfen das kurze, harte Gras; ihre Wolle ist schwarz und weiss, vom Wind zerzaust.
Wir halten an einer Brücke an, steigen aus. Der Wind wirft uns beinahe um, so stark ist er. Wir machen uns auf den Weg zu einem kleinen Hafen; zwei Angler kommen uns entgegen. Alte Männer, einer mit einem schmutziggrauen Bart, die Kapuzen ihrer schweren Regenjacken weit ins Gesicht gezogen, in abgetragenen Gummistiefeln. Die Zeit hat ihre Spuren auf den Gesichtern hinterlassen, Furchen erzählen von ihrem Leben als Fjordangler. Sie nicken uns zu, die Augen verraten keine Regung. Eine Windböe fegt über uns hinweg, wir senken die Köpfe, beeilen uns, weiterzugehen. Der winzige Hafen liegt verlassen, nur der Wind heult um die verwitterten Gebäude. Nach einigen Minuten kehren wir um. Im Auto ist es warm, windgeschützt.
Wir setzen unseren Weg fort. Der Schnee setzt wieder ein. Nach einigen Minuten ein Schild: “Ab hier kein Winterdienst mehr. Vorsicht, Rutschgefahr. Achtung, Strassenschäden.”. Das Schild hätte auch schlicht und einfach lauten können: “Ende des befestigten Weges”. Die Strasse wird immer schlechter. Bald ist sie so schmal, dass gerade einmal ein Auto fahren kann, links und rechts von uns erheben sich schroffe Felswände in die Höhe.
Wir erreichen das Ende der Strasse: ein kleines Dorf direkt an der Küste, früher lebte es vom Fischfang und von der Landwirtschaft, heute bauen hier die Leute ihre Häuser, die mit Gas und Öl ihr Geld verdienen. Wieder steigen wir aus, plötzlich riecht es nach Meer. Der Wind treibt uns Tränen in die Augen, der Schnee fällt in winzigen Flocken vom wolkenverhangenen Himmel, vom Wind in kleine Eisnadeln verwandelt. Selbst die Sturmmöwen haben Mühe, sich in die Luft zu erheben, doch einmal oben lassen sie sich anmutig vom Wind tragen. Ein kleiner brauner Vogel hüpft zwischen den traurigen Überresten einiger Blecheimer herum, eine neue Windböe zerreisst die Luft, schnell sucht das kleine Tierchen Schutz in den rostigen Eingeweiden der Eimer.
Wir lassen die stöhnenden, quietschenden alten Fischerhäuser hinter uns, laufen ein Stück, bis wir auf einem der grauen Felsen stehen. Unter uns: das Meer. Ein wildes, ungezähmtes Tier, sich aufbäumend und gegen die Felsen werfend, als wollte es aus einem Käfig entkommen. Der Wind hält dagegen, versucht das Meer zurückzudrängen, wechselt mit einem Mal die Richtung und zwingt das Meer weiter gegen die Felsen, dann wieder fort und wieder dagegen. Es ist ein Kampf der Giganten, dem wir beiwohnen, doch es gibt keinen Sieger, nicht heute und nicht morgen, vielleicht niemals. Diesmal jedenfalls zwingen uns die Elemente zurück in die schützende Wärme unseres Gefährts. Noch einmal drehe ich mich um, sehe zum Meer hinüber. Meine Lippen schmecken salzig und herb. Dann, plötzlich, reisst der Himmel auf, die grauschwarzen Wolken brechen auf und die untergehende Sonne taucht die ganze Welt um mich in glänzendes Licht. Der Augenblick vergeht schnell, sofort nehmen die Wolken wieder Besitz über den Himmel; aber jetzt weiss ich: Ich werde wiederkommen.
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